Ochsenhausen, ehem.Klosterkirche - HO
Wege zur Gabler-Orgel 2000 – 2004
1. Aufgabenstellung
Jede Restaurierung einer Orgel des 18. Jahrhunderts ist mit den unterschiedlichsten Fragestellungen verbunden. Allein der Umstand, dass praktisch alle Instrumente in ihrer über zweihundertjährigen Geschichte Eingriffe und Veränderungen erfahren haben, lässt verschiedene Restaurierungsziele zu.
Das romantisch orientierte Orgelideal des 19. und frühen 20. Jahrhunderts führte an barocken Instrumenten zu klanglichen Umgestaltungen (Dispositionsveränderungen) und, damit verbunden, zu Anpassungen im technischen Bereich. In günstigen Fällen wurden beispielsweise nur einzelne Register ersetzt. Oft genug kam es aber hinter den Barockfassaden zu gänzlich neuen Instrumenten. Mit der Rückbesinnung auf die Ideale der Barockorgel wurden etwa ab 1940 viele dieser Werke restauriert. Dies geschah leider allzu oft nach bestimmten zeitgenössischen Ideologien und ohne ausreichende Grundlagen wie Archivforschung und genaue Studien. Die Restaurierungspraxis neigte bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts dazu, die Orgeln möglichst wieder in ihre (vermeintliche) Originalsituation zurückzuführen, da man darin den größten Wert sah. Den Ausführungen des 19. Jahrhunderts wurde lange genug jeder künstlerische Wert abgesprochen. Bei geringfügigen Veränderungen waren Rückführungen weitgehend unproblematisch. Fanden an den Orgeln aber im Laufe der Zeit mehrere Eingriffe statt, so waren Rückführungen naturgemäß weit schwieriger. Zum besseren Verständnis der Problematik mag ein Vergleich mit der Malerei dienen. Es gibt historische Gemälde, an denen über die Jahre nur Schäden behoben und ein wenig retuschiert wurde. Andere Bilder dagegen hat man gänzlich übermalt; manchmal wurde das alte Bild vorher sogar völlig abgekratzt. Übertragen auf die Gabler-Orgel in Ochsenhausen könnten wir die Geschichte dieses „Gemäldes“ ungefähr so beschreiben: Das Bild stammte von einem berühmten Maler der Stadt, weshalb die Bürger auch sehr stolz auf das Gemälde waren, welches von einem wunderschönen Rahmen eingefasst war. 1734 wurde das Bild vom Maler geschaffen. Neben seinen neuen Farben verwendete er aber auch noch ein paar alte. Nach achtzehn Jahren, in denen er ein weiteres, sehr berühmtes Werk erschaffen hatte, kehrte er in seine Heimatstadt zurück und verbesserte sein früheres Bild. Die alten Farben waren wohl doch nicht so gut wie er damals gedacht hatte, und nach all den Jahren kam ihm auch das Bild selbst ein wenig altmodisch vor. So gut es eben ging, malte er sein eigenes Werk um und liess es vor allem moderner erscheinen. Nach dem Tod des Meisters versuchten nun verschiedene Maler mit sehr unterschiedlichen Talenten in regelmäßigen Abständen von etwa 30 Jahren das Gemälde zu erneuern und zu verbessern. Nach Jahrhunderten liegen die Farbschichten schließlich dick übereinander, auch wenn stellenweise immer wieder Farbe abgekratzt wurde. Vordergründig erkennt man dies zwar nicht, denn immer noch lässt der wunderschöne alte Rahmen glauben, dass es ein Werk des alten Meisters sei. Genau diese Geschichte ist auch die Geschichte der Gabler-Orgel in Ochsenhausen. Sie veranschaulicht sehr deutlich, wie schwierig die Aufgabenstellung der Restaurierung war.
2. Orgelarchäologie
Die Frage nach dem „warum“ vorhergehender Umbauten
Die Beschäftigung mit der Gabler-Orgel, die Vision einer Konzeption zur Restaurierung, besser zur Wiedergewinnung des Instruments, mußte auf vielen verschiedenen Ebenen vonstatten gehen: Unabdingbare Voraussetzung war die Erforschung des umfangreich vorhandenen Archivmaterials und die Auswertung der wenigen Fotos aus der Zeit vor 1968. Die exzeptionelle Orgel von 1734, die der Erbauer nach den Erfahrungen seines singulären opus magnum in Weingarten selbst veränderte, war die Vision eines Instrumentes: Architektonisch, technisch wie klanglich genial erdacht, aber ohne wirklich gereifte Erfahrung verwirklicht. Das Instrument blieb einzigartig in Größe und Komplexität der Anlage – und wohl auf vielfache Weise unverstanden. Dies, zusammen mit Verschleißerscheinungen, führte im 19. Jahrhundert dann fast zwangsläufig zu den verschiedenen Veränderungen, deren Umfang bis vor kurzem weitgehend unbekannt war. Die Renovierungsmaßnahmen von 1968 – 1972, so bedauerlich sie aus heutiger Sicht auch sein mögen, hatten wohl den nicht erfüllbaren Anspruch, die vielfachen technischen Probleme für alle Zeit mit modernen Materialien und Technologien zu lösen. Bei der Besichtigung des Inneren und beim Spiel der Orgel vermittelte diese dann vorwiegend den Eindruck einer modernen Orgel mit historischen Überresten. Die Sichtung des gesamten Materials und die Suche nach Erklärungen für Veränderungen ist vergleichbar mit dem Vorgehen von Archäologen, die Schicht für Schicht Vergrabenes aufdecken und Befunde verständlich machen. So konnten archivalische Hinweise an der Orgel selbst verifiziert und deren Ziel gedeutet werden: Erst durch die Archivalien werden etwa Kienes Umbaumaßnahmen verständlich. Er verlegte die Bälge vom nördlichen Dach des Seitenschiffes auf den Dachboden des Mittelschiffes. Nur wenn man weiß, dass zwischen Fassadenwand und Zwischenrisalit des Seitenschiffes ein bis in die Fensterzone reichendes Balghaus stand, von dem der Hauptkanal durch den unteren Teil des Fensters in das Orgelgehäuse führte, sind auch die bis heute sichtbaren Spuren zu deuten.
3. Zielsetzungen
Der Umbau durch Gabler selbst im Jahre 1755 und die unzähligen Eingriffe
danach ließen die verschiedensten Restaurierungsziele als möglich erscheinen.
Entgegen den Gewohnheiten früherer Jahrzehnte sehen wir heute auch in der Erhaltung eines gewachsenen Zustandes eine sinnvolle Lösung. So wie es bei einem Gemälde wenig Sinn macht, eine qualitativ hochstehende Übermalung zu entfernen, um eine darunter liegende zerstörte oder künstlerisch wertlose ältere Fassung zu restaurieren, so zweifelhaft wäre es, beispielsweise Ausführungen des Orgelbauers Kiene aus dem 19. Jahrhundert zu entfernen, wenn wir nicht wissen, wie die gleichen Bauteile von Gabler ausgeführt wurden. Es geht also grundsätzlich um die Belegbarkeit eines Zustandes, wenn dieser restauriert bzw. rekonstruiert werden soll. Ist diese nicht gegeben, so erscheint das Belassen eines späteren Zustandes sinnvoller als die Wiederherstellung eines früheren. Die Beweisbarkeit einer Situation ergibt sich aus der erhaltenen Substanz, der Archivsituation und den erkennbaren Spuren am Instrument. Selbstverständlich muss jede Orgelrestaurierung auch eine langfristige Funktionssicherheit erzielen. Ungeachtet des Befundes im Bereich des Pfeifenwerks muss im Gesamtkonzept auch ein sinnvolles musikalisches Konzept enthalten sein. Es darf schließlich nicht sein, dass auf Grund der Zufälligkeit des noch erhaltenen Materials ein „Zufallsergebnis“ ohne Gesamtsinn entsteht. Es gilt deshalb denkmalpflegerische, instrumentenbauliche und musikalische Gesichtspunkte gebührend zu berücksichtigen. Die Gabler-Orgel besitzt eine sehr komplizierte technische Struktur, welche sich durch die Anlage um das Westfenster herum ergibt. Die Funktionssicherheit des Werkes ließ deshalb in der Vergangenheit zu wünschen übrig, was mit ein Grund war für die vielen Umbauten und letztlich zum Neubau der technischen Anlage führte. Dabei wurden die alten Bauteile aber nicht gänzlich vernichtet, sondern im Gewölbe unter der Orgel eingelagert. Die einzelnen Elemente dieser nicht unerheblichen Menge Altmaterial verschiedener Epochen waren aber nicht bezeichnet, so dass eine Zuordnung auf den ersten Blick nicht möglich war. Ein von der Denkmalpflege gefordertes Ziel der Restaurierung sollte aber darin bestehen, dieses Material nach Möglichkeit wieder in die Orgel zu integrieren. Bei dieser Ausgangslage war uns klar, dass es nicht möglich sein würde, ein Restaurierungsziel zu definieren, bevor wir das Werk nicht in allen seinen Teilbereichen genau untersucht und bewertet hatten. Es galt im Sinne der Orgelarchäologie die Geschichte dieser Orgel zu erlernen und alle erhaltenen Teile und Spuren damit in Zusammenhang zu bringen. Die „Detektivarbeit“ der Restauratoren erforderte natürlich einen erheblichen Zeitaufwand. Selbst geübten Augen erschließen sich nicht sofort alle Spuren. Oft erschließt sich ein Zusammenhang erst in Verbindung mit ganz anderen, neuen Fragestellungen. Ebenso wichtig ist es, die gewonnenen Erkenntnisse immer wieder kritisch zu hinterfragen, denn zu gerne wird man blind für Gegebenheiten, welche einer einmal gefassten Theorie widersprechen. Die Beauftragung zweier Firmen erwies sich in dieser Phase des Projektes als äußerst fruchtbar, war doch jeder von uns bemüht, das passende Teil des Puzzles zu finden, welches das Bild vervollständigen konnte – und es kritisch zu prüfen, wenn es der andere gefunden hatte. Neben dieser hochinteressanten und spannenden Aufgabe bereitete uns allen aber gerade diese Zusammenarbeit große Freude und Befriedigung. Während und nach der Demontage der Orgel führte ein ganzes Jahr intensiver Zusammenarbeit schliesslich zu einem Bericht, der alle Aspekte der Untersuchung auswertete. Erst auf dieser Basis war es zu verantworten, ein Restaurierungsziel zu definieren.
4. Projektfindung
Vorgehensweise bei Vorarbeiten und Ausbau der Orgel
Der vorsichtige Ausbau des Instruments in mehreren Bauabschnitten hatte also zum Ziel, originale Befunde zu sichern und die Spuren der Veränderungsgeschichte zu dokumentieren. Alle Pfeifen der Orgel wurden beim Ausbau dokumentiert, genau bezeichnet und vermessen. So konnten wir anhand der charakteristischen Signaturen die Stellung auf den Laden von 1734 und 1755 rekonstruieren, ebenso Veränderungen durch Schultes (um 1835), Kiene (1844), Weigle (1871) oder Reiser (1972). Diese Umbauten wurden durch umsignierte Pfeifen Gablers wie durch eigene neue Pfeifen greifbar. Wichtig war bei dieser Suche neben der Dokumentation der Veränderung auch die Frage nach dem Vorzustand bis zu Gablers Umbau von 1751 – 1755 der seine Orgel von 1734 technisch wie klanglich veränderte.
Spieltisch
Die Ausgangssituation beim Spieltisch war der komplett erneuerte innere Aufbau. Erhalten geblieben sind drei Klaviaturen, die im Wesentlichen im frühen 19. Jahrhundert beim Umbau der viermanualigen Anlage auf drei Manuale verändert wurden. 46 der 54 Registerzüge sind – verstreut – erhalten geblieben, ein Großteil davon mit originalen
Rötelbezeichnungen Gablers, was in Verbindung mit den Registerschildern aus Elfenbein die Disposition von 1755 zweifelsfrei rekonstruierbar machte.
Die Rückführung der Klaviaturen auf den zweiarmigen Bauzustand von 1755 – der auch anhand der Klaviaturen von Weingarten verifizierbar war – und die
Rekonstruktion der obersten, vierten Klaviatur sowie die Zuordnung in die originalen Klaviaturwangen waren beweisbarer, als der Bauzustand des 19. Jahrhunderts, da alle Koppeln fehlten. Die Elfenitbeläge der Klaviaturen von 1939 ersetzten wir durch die Elfenbeinbeläge der Klaviaturen von 1972, welche damit Weiterverwendung fanden.
Die Registerzüge zeigten eine bewundernswerte Ordnung: Die Staffeleien waren sowohl waagerecht den einzelnen Werken zugeordnet, als auch senkrecht nach Registergruppen – etwa alle QuintaTön, Octav, Mixtur, Principal oder die Zungen. Namensänderungen konnten so ebenfalls erkannt werden. Die Veränderungen der Staffeleien im Laufe der Zeit sind aus Tabelle I zu ersehen.
Windladen
Die Kanzellenkörper aller Windladen sind erhalten geblieben. Gabler hatte die auffallend engen Kanzellenquerschnitte durch Leitschiede abgetrennt, um Windabfall und daraus resultierende Verstimmungen zu minimieren. Die Windkästen waren erneuert, wir rekonstruierten sie nach ablesbaren Abdrücken auf der Unterseite. Die Bauform der Ventile war anhand weniger Originalventile auf alle anderen übertragbar.
Bei Solo und Hauptmanual waren neben den Stöcken auch die Rasterbänkchen von 1734 bzw. 1755 erhalten. Wir haben sie wieder zurückgeführt und auf Grund ihres fragilen Zustandes durch unterstützende neue Raster ergänzt. Bei den Pedalladen blieb die Veränderung Kienes teilweise erhalten: Die Prospektladen von 1844 für den Praestant 16’ wurden mit der dazugehörenden Mechanik restauriert. Die 8’-Laden Gablers hatte Kiene gedreht, um den Zugang zu erleichtern. Dies haben wir rückgängig gemacht.
Auch die Erweiterung der 16’-Lade um das dritte Register Trompet 8’ wurde zurückgeführt und auf die beiden Register Subbass 16’ und Posaune 16’ eingerichtet. Die Erweiterung des Klaviaturumfanges beim Pedal sollte als gewachsene Erweiterung respektiert werden. Die dafür nötige Zusatzlade bauten wir tiefliegend unter dem Westfenster mit vorhandenen Pfeifen von 1972 ein.
Mechanik
Von der Spieltraktur Gablers ist kein Teil eingebaut erhalten geblieben. Sichtbar blieb allerdings die Lage der Wellenbrettführung zu den Windladen des Hauptwerks. Auch die Lage der Wellenbretter zum Echo und Brustpositiv wurde durch charakteristische Nagelspuren deutlich. Bei der Rekonstruktion folgten wir in der Materialauswahl dem Original. Die Registertraktur war zum Teil noch durch geschmiedete Eisenwellen in situ sowie durch eine Vielzahl ausgebauter Teile belegt. Wie haben diese so zugeordnet, dass sie – wenn auch nicht im Detail belegbar – wieder in Funktion sind. Die große Anzahl von Schubstangen wurde ebenfalls zugeordnet.
Gebläse
Das Gebläse der Orgel wurde mehrfach verändert. Spätestens 1755 war es im Dachstuhl des nördlichen Seitenschiffes untergebracht. Die Dachkammer war dazu erhöht ausgebaut, die Wände verputzt, für sechs Bälge eingerichtet, welche 12’ 6’’ lang und 4’ 1’’ breit (ca. 3500 mm x 1170 mm) waren. Diese Bälge wurden 1844 in den Dachstuhl des Hauptschiffes verlegt. 1895 wurden sie dann durch ein großes Magazingebläse ersetzt, das frei hinter dem Spieltisch aufgestellt wurde. Beim Umbau nach 1939 wanderte dieser Balg ins nördliche Seitenschiff, wo er, wie zuletzt,funktionslos stand.
Die Situation Gablers ist nicht mehr gegeben und kann auch nicht wieder hergestellt werden. Eine jüngere Bauphase ist nicht erhalten geblieben. Daher entschieden wir uns für neue Keilbälge im historischen Balghaus Gablers, die jedoch an die derzeitige Raumsituation angepasst sind: Keilbälge also mit verkleinerter Balggröße, reduziert auf fünf Bälge, unter Nutzung des Mauerdurchbruchs von 1939.
Pfeifenwerk
Das Pfeifenmaterial Gablers wurde – auch aus heutiger Sicht – in allen Bauphasen respektvoll behandelt. Trotz Beschädigungen, Verstellungen und nicht immer sachgerechter Reparaturen sind 2457 Pfeifen Gablers erhalten geblieben. Insgesamt beinhaltet das Werk heute3174 Pfeifen.
Das Sortieren der Pfeifen hatte zur Aufgabe, offensichtliche Verstellungen zu dokumentieren. In Verbindung mit den Erkenntnissen aus den erhaltenen Stöcken und Rasterbrettchen war es uns dann möglich, die ursprüngliche Besetzung und Zusammensetzung der Mixturen nachzuweisen und teilweise auch zurückzuführen. Die Restaurierung der Pfeifen selbst hatte die Sicherung des Bestandes zum Ziel. Frühere Eingriffe sollten ablesbar bleiben, wenn keine technischen Gründe dagegen sprachen. So bleibt die „Patina der Geschichte“ erhalten.
Disposition von 2004 – ein gewachsenes Ergebnis
Die Disposition des Instrumentes von 1734 ist nicht mehr zweifelsfrei zu rekonstruieren, auch wenn ein Großteil der Orgel nach dem 1755 abgeschlossenen Umbau erhalten geblieben ist. Vor allem die Disposition, die vor der Reduzierung der Anzahl durchlaufender Register von zwölf auf neun Schleifen vorhanden war, ist nicht mehr zweifelsfrei zu klären.
Bei Solo, Brustpositiv und Pedal gibt es weitgehende Übereinstimmung zwischen dem Vertrag vom 21. Januar 1751 und der tatsächlich ausgeführten Disposition. Lediglich das Echowerk führte neun Register auf, während heute zehn Register besetzt sind. Die Umdisponierung auf dieser Lade – die zweite gemischte Stimme zugunsten einer Flöte 4’ – blieb respektiert. Letztlich kann die Disposition von 1755 leichter nachvollzogen werden, als die Änderungen danach. Dennoch respektierten wir diese, wenn sie in der Substanz erhalten geblieben waren.
Die Disposition der Orgel nach der Restaurierung entsprechend der Übersicht in Tabelle II ist demnach nicht die kompromisslose Wiederherstellung eines bestimmten historischen Zustandes, sondern muß, wie Tabelle III im Detail zeigt, als Resultat einer Genese verstanden werden.
Gehäuse
Die Anlage Gablers in der Fassung von 1734 dürfte als Konstruktion in der Konche mit sichtbarem Westfenster und Brustpositiv kompliziert gewesen sein. Die innere Struktur war dennoch klar auf die vorhandene Vorderwand des Untergehäuses ausgerichtet. Ein Holzgerüst, das gleichzeitig als Windladenlager diente, steifte dasgesamte Gehäuse zur Kirchenwand hin aus. Dieses Gerüst blieb erhalten bis zum Umbau von 1968 – 1972, als man die Lagerung der Orgel durch ein neues Gerüst aus Formstahl ersetzte, welches jedoch die statische Funktion nicht dauerhaft auszufüllen vermochte: Gehäuseabsenkungen waren die Folge. Das innere Tragegerüst rekonstruierten wir in den ablesbaren Querschnitten und schlossen Fehlstellen, die aus früheren Umbauten resultieren. Die zuletzt offen unter dem Westfenster stehenden Windladen von Echo und Zusatzpedal wurden unter das wieder geschlossene Podium hinter dem freistehenden Spieltisch eingebaut. Das Westfenster haben wir im unteren Bereich wieder geöffnet. Die ursprüngliche Emporensituation von 1755 stellten wir durch Rückbau des 1972 notwendig gewordenen Holzpodestes wieder her.
Bleibende Elemente früherer Restaurierungen
Was blieb von Schultes (1835), von Kiene (1844), von Weigle (1871), von Goll (1895), von Walcker (1939) und von Reiser (1972)? Die Grundstruktur der Orgel blieb nach Gablers Umbau von 1755 bis zur letzten, 1972 abgeschlossenen Baumaßnahme trotz allem erkennbar. Selbst im Ergebnis von 1972 blieb die Orgel Gablers insgesamt deutlicher erkennbar als die Zwischenstufen. Von Schultes (oder von jemandem vor ihm?) stammte vermutlich der Umbau des Spieltisches von der vier- auf die dreimanualige Anlage. Diese Anlage war verloren mit Ausnahme der umgebauten Klaviaturen, bei denen allerdings auch das Original von 1755 erkennbar war. Die Spieltischanlage wurde daher insgesamt auf den Zustand von 1755 zurückgeführt. Kienes Veränderungen an der Balganlage sind nicht mehr vorhanden, erhalten geblieben ist hingegen sein Prospektladen für Praestant 16’ mit Teilen der dazugehörenden Mechanik. Die Verdrehung der Pedal-8’ Laden haben wir zurückgeführt. Weigle ersetzte die zum Kronprospekt abgeführten Pfeifen durch solche, die auf der Lade standen. Diese Substanz gaben wir zu Gunsten der Situation von 1734 auf. Der Umbau von 1895 durch Goll zielte auf die neue Magazinbalganlage, die funktionslos erhalten geblieben ist. Seine Barkermaschine für die zusammengeführten Laden von Solo und Hauptmanual haben wir nicht mehr eingebaut. Der Umbau Walckers zielte auf die Verlegung der Balganlage ins Seitenschiff. Das neue Gebläse verwendet die dafür in dieWand geschlagenen Kanäle. Der erweiterte Pedalumfang geht auf die Baumaßnahme von 1939 zurück. Die 1972 geschaffene Situation war wohl der umfassendste Umbau der Orgel in ihrer Geschichte. Auch aus dieser Bauphase blieben Teile erhalten – etwa die Pfeifen der Pedalerweiterung oder die Vox humana 8’ des Rückpositivs. Jede Restaurierung einer Orgel ist Teil der Weitergabe eines historischen Musikinstruments an die nächsten Generationen. Aufgabe der Restauratoren ist, den Verfall eines Denkmals aufzuhalten und die Begegnung mit Kulturgut vergangener Zeit auch in Zukunft zu ermöglichen. Die Geschichte der Gabler-Orgel, ihrer Veränderung wie Erhaltung Teil ihrer Identität, bis hin zu der jetzt abgeschlossenen Arbeit. Diese dokumentiert unsere Zeit und unser Erkennen und ist nun selbst Teil der Geschichte geworden.
Klais und Kuhn
Was bewog zwei Orgelbaufirmen mit je eigener, bestens ausgewiesener
Restaurierungsabteilung, als Bietergemeinschaft aufzutreten?
Die Idee zu dieser projektbezogenen Zusammenarbeit ist unabhängig voneinander in beiden Werkstätten gereift. Intensive Gespräche führten dann zum Entschluss, das Projekt gemeinsam anzubieten.
Die Gabler-Orgel in Ochsenhausen stellte eine der grössten Herausforderungen für die Orgelrestaurierung der Gegenwart dar. Die kumulierte Fachkompetenz zweier hochqualifizierter Restaurierungsteams unter der Leitung der Herren Wolfgang Rehn und Hans-Wolfgang Theobald hat den Gesamterfolg der Restaurierung erhöht. Die gemeinsame Wahrnehmung von Schlüsselaufgaben wie zum Beispiel die Demontage der Orgel oder die Erarbeitung des Restaurierungskonzeptes ermöglichte, dass dem erfahrenen Restaurator ein ebenbürtiger Praktiker gegenüberstand, der sozusagen als „advocatus diaboli“ zum richtigen Zeitpunkt die wichtigen Fragen stellte und scheinbar Selbstverständliches hinterfragte. Das Wissen, welches sich bei der Restaurierung der Gabler-Orgel in Weingarten angesammelt hatte, und die Personen, welche jene Restaurierung ausgeführt hatten, konnten in das Projekt Ochsenhausen eingebunden werden. Gute persönliche Kontakte zwischen den Häusern Kuhn und Klais waren auf der Ebene vieler Mitarbeitenden, bei den Exponenten der Restaurierungsteams ebenso wie bei der Geschäftsleitung bereits vorhanden.
Der Erfolg einer solchen Zusammenarbeit steht und fällt mit der Bereitschaft aller Beteiligten, den Namen der eigenen Werkstatt dem Restaurierungsziel unterzuordnen. Und ist es nicht diese Unterordnung, die einen guten Restaurator ohnehin auszeichnet? Durch die solidarische Übernahme der Verantwortung entstand ein gegenseitiges Befruchten, ein intensiver Austausch und ein spannender Lernprozess. Wir haben uns auf diese Herausforderung gefreut und dürfen heute feststellen, dass sich der Mut, dieses Projekt gemeinsam mit einem Partner anzugehen, gelohnt hat. Ein Klima der gegenseitigen Achtung und des Willens zur konstruktiven Zusammenarbeit haben zu einem überzeugenden Restaurierungsergebnis geführt. Für alle Beteiligten stellte die Kooperation eine zusätzliche Aufgabe dar, die jedem viele neue Erfahrungen ermöglichte. Gemeinsam haben wir ein komplexes Werk vollbracht, das uns mit unvergesslichen Momenten in Erinnerung bleiben wird. Wir möchten allen Beteiligten unseren tiefen Dank aussprechen für das uns entgegengebrachte Vertrauen und die allseits gute und anregende Zusammenarbeit. Einen ganz besonderen Wunsch richten wir an die Gabler-Orgel selbst: Möge sie noch über Generationen zur Freude unzähliger Herzen erklingen!
Orgelbau Kuhn AG
Dieter Utz,Wolfgang Rehn
Orgelbau Joh. Klais GmbH & Co. KG
Philipp Klais, Hans-Wolfgang Theobald
