Wo Bismarck seinen Wein bestellte
Die Restaurierung der Capek-Orgel der Evangelischen Kirche in Pöttelsdorf im Burgenland
das fertige Schmuckstück
Der „Blaufränkisch“ gehörte und gehört immer noch zu den gefragtesten Rotweinen Österreichs, ob die Geschichte mit Bismarck nun stimmt oder nicht. Der Wohlstand des kleinen Weindorfes an der Wulka muss groß gewesen sein, denn 1901 wurde eine neue Pfarrkirche samt Orgel erbaut, die einer Kleinstadt würdig wäre. Im Inneren wurde an nichts gespart, von den Altargemälden bis zu den großen Kristallleuchtern – alles vom Feinsten und in der Rekordzeit von nur einem Jahr erbaut.
der Spieltisch vor der Orgel
Die Orgel erstellte der Kremser Orgelbauer Franz Capek, und auch wenn für eine Orgel nicht gerade sehr viel Platz vorgesehen war, fiel sie doch elegant und klangkräftig aus. Capek erlernte sein Handwerk bei Wilhelm Sauer in Frankfurt an der Oder. Seine Orgel in Pöttelsdorf stattete er mit einem neuartigen Steuerungssystem aus, mit Ventilen aus Glasplättchen und mit einem geschmackvoll dekorierten Spieltisch, edel ausgestattet mit Wurzelholz und Stabornamenten.
der restaurierte Spieltisch mit Wurzelfurnier und Intarsien
Glücklicherweise ist die Pöttelsdorfer Kirche gut durch die Zeiten gekommen. Es gab kaum Veränderungen oder allzu gründliche „Renovierungen“. Im Jahre 2014 erfolgte eine erste Kirchenrenovierung, die Restaurierung der Orgel folgte nun im Jahre 2024. Das Instrument funktionierte technisch bis etwa ins Jahr 2021 mehr oder weniger zufriedenstellend. Es gab immer wieder kleinere Reparaturen. Dann jedoch schwieg das Instrument, und auch wir konnten keinen Eindruck mehr gewinnen, wie sie einmal klang und wie sie sich spielte.
Neuverlegen der pneumatischen Traktur
Schon bei unserer Bestandsuntersuchung wurde klar, dass einige Register verändert wurden. Nach der Überlieferung hat ein lokaler Orgelbauer auf eigene Initiative die Voix céleste in einen Prinzipal 2' geändert. Man könne dieses Register viel besser gebrauchen, ließ er verlautbaren und stellte anschließend eine Rechnung. Unter Zuhilfenahme von Dachlatten und Gartenschläuchen wurde dann noch ein Prinzipal 4' realisiert, die Mixtur in ihrer Zusammensetzung verändert. Die vielen Zinkpfeifen wurden mit einer Unzahl an Hilfsmitteln instandgehalten. Das fängt mit Klebeband an und hört mit Büroklammern auf. Alles in allem mussten viele Wochen daran gearbeitet werden, stilfremden Zutaten zu beseitigen und das Material selbst einmal freizulegen. Danach erst konnten bestimmte Entscheidungen getroffen werden. War die Voix céleste zweifach? welches Register stand im zweiten Manual an erster Stelle?
restauriertes Pfeifenwerk beim Wiedereinbau
Erfreulicherweise erwies sich unser gestaltungswilliger Orgelbauer der Nachkriegszeit als äußerst sparsam. Viel können seine Arbeiten die Gemeinde nicht gekostet haben. Unter seinen Resopalplatten fanden sich die alten Rasterlöcher; so konnte z. B. die Mixtur rekonstruiert werden. Die sogenannten „neuen Register“ bestanden in Wirklichkeit aus umgesetzten und teilweise verstümmelten alten Pfeifen, die dank ihrer Inskriptionen wieder auf ihren alten Platz zurückgesetzt werden konnten. So erklingen heute wieder alle Pfeifen auf ihren angestammten Plätzen. Nur sehr wenige Pfeifen der Mixtur und der Voix céleste mussten nachgefertigt werden.
die neue tiefe Oktave des Geigenprincipals
Die neueren Zwischenrelais, wahrscheinlich durch die Firma Kaufmann um 1960 eingebaut, wurden beibehalten. Bei dem Versuch, den Spieltischwind direkt in das Vorrelais einzuführen, wurde schnell klar: so wie Capek die Orgel 1901 erbaute, war sie noch nicht ausgereift. Die Auslösung war viel zu langsam.
rekonstruierte Kondukten
Der Clou der Orgel ist die aufwendige Koppelanlage, durch die der Spieltischimpuls geleitet wird. Durch die vielen Rückschlagklappen, Gänge und Umleitungen wird der Wind müde und schlapp. In den später zugefügten Relais, wird aus dem müden Wind ein frischer gemacht, wie bei einer Pferdewechselstation.
Glasklappenventile
Aber keine Innovation ohne ein gewisses Risiko, wird man sich gedacht haben. Insofern ist das Instrument typisch für den Erfindungsdrang jener Zeit und als solches eben auch ein Zeugnis jener Epoche. Der Winddruck wurde sicher einmal erhöht, um die pneumatischen Funktionen zu verbessern. Auch diese Änderung wurde beibehalten. Die Orgel erhielt ein neues Gebläse, und alle Verschleißteile wurden ausgetauscht. Die Windladen wurden restauriert und vollständig neu papiert.
Glasklappenventile
Bei den Pfeifen machten besonders die zahlreichen Zinkpfeifen viel Arbeit, deren Nähte zu einem großen Teil nachgelötet werden mussten. Die originalen Prospektpfeifen bestehen aus Zink und sind damals elektrolytisch vernickelt worden. Der ursprüngliche Glanz dieser Pfeifen war durch tiefe Verätzungen fast ganz verloren gegangen. Leider sind die durch Fledermäuse verursachten Schäden nicht reversibel. Nach einigen Überlegungen – beispielsweise die Pfeifen zu lackieren – wurde beschlossen, sie in der jetzigen Form zu belassen.
Pfeifen vor der Restaurierung
Heute präsentiert sich das Instrument in technisch und klanglich runderneuerter Form – auch wenn die technische Funktion, die vielen bauzeitlichen Änderungen und die teilweise doch recht oberflächliche Fertigungsweise vielleicht nicht ganz überzeugen können. Eines vermittelt das Instrument doch unmittelbar und eindringlich: den unbedingten Willen zum Klang.
"beschissene" Prospektpfeifen
Und da sind wir vielleicht wieder beim „Blaufränkisch“. Eine edle Note mit einer gewissen Breite aber eben auch mit Geschmeidigkeit und Eleganz. Was den Klang der Pöttelsdorfer Orgel betrifft, müsste man bei Falstaff schon mindestens zu einer 80 greifen.
Matthias Wagner
Prospektornament
