Marburg, Elisabethkirche
Ein Fest für Aug' und Ohr – die neue Orgel der Marburger Elisabethkirche
Die Elisabethkirche zu Marburg gehört zu denjenigen Kirchenräumen, die jedem Kunst-Interessierten bekannt sind: Eine der wenigen deutschen gotischen Kathedralen, die in der Gotik begonnen und auch noch in dieser kunstgeschichtlichen Epoche fertig gestellt werden konnten. Ein Bauwerk mit einer sehr eindrucksvollen Raumstruktur und Stringenz, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.

Zur Einweihung der neuen Orgel in der Elisabethkirche in Marburg/Lahn am 5. November 2006 ist eine Festschrift erschienen, die sehr sorgfältig und reichlich bebildert das Instrument dokumentiert.
Das Buch verfügt über 104 Seiten, ist fest gebunden, hat viele großformatige Abbildungen mit Zeichnungen zum Instrument sowie einen detaillierten Abriss zu den früheren Orgeln der Elisabethkirche. Es kann über die Elisabethkirchengemeinde in Marburg zu einem Preis von 12,90 EUR zzgl. Verpackung und Versand bezogen werden.
Das Bestellformular der Kirchengemeinde finden Sie hier…
Weitere Informationen zum Orgelneubau auf den folgenden Seiten!

Die neue Orgel war am Standort des Vorgängerinstrumentes vorgesehen – angeordnet vor dem Meistermann-Fenster, jedoch aus akustischen Gründen leicht vorgezogen. Von Beginn an war es uns wichtig, eine selbständige zeitgenössische Orgelskulptur zu entwerfen, die nicht mit der faszinierenden Kirchenarchitektur in Konflikt gerät. Grundlage des gestalterischen Entwurfes des Instrumentes war die Übernahme des Farben- und Formenkanons des Meistermann'schen Westfensters. Die Thematik des Westfensters, die Ausgießung des Heiligen Geistes, sollte sich über die Orgel und die Orgelempore bis in den Fußbodenbereich des Kirchenraumes fortsetzen.
Die ursprüngliche Konzeption, den Orgelfuß bis auf den Kirchenfußboden hinunter zu ziehen, erwies sich aus Raumnutzungs-Gründen als nicht durchführbar: In intensiven Gesprächen wurde in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten, darunter auch dem für die Orgelempore und die Windfanggestaltung zuständigen Architekturbüro Grundmann & Hein aus Hamburg, eine Lösung erarbeitet, die in der Aufnahme der Orgellinienführung bis in die Windfanggestaltung hinein diese Idee weiterhin abstrakt in sich trägt.
Das Thema des Meistermann-Fensters, die Ausgießung des Heiligen Geistes, findet seine Entsprechung in der farblichen Gestaltung der Orgel, die in einem eigenen Kapitel beschrieben ist. Die im Ursprungsentwurf dargestellte Himmelsleiter, auf der Jakob im Traum die Engel auf- und absteigen sah, ist noch heute deutlich ablesbar, wenn aus seitlicher Perspektive betrachtet, die große Linienführung der Ausgießung des Heiligen Geistes zu kleinen Treppen wird, die an die Himmelsleiter erinnern.
Dem asymmetrischen Aufbau des Gehäuseentwurfes liegt eine klare, außen ablesbare innere Struktur des Instrumentes zugrunde, die sich an den Grundprinzipien "klassischen Orgelbaus" orientiert: Das Instrument setzt sich aus zwei voreinander angeordneten Scheiben zusammen: In der vorderen Orgelscheibe finden die klassischen Manuale Hauptwerk und Positiv Anordnung, zentral im Mittelbereich der Orgel übereinander angeordnet in Verbindung mit dem Kleinpedal.

In der dahinter liegenden, vom vorderen Orgelteil losgelösten Orgelscheibe, findet das Großpedal sowie darüber zentral angeordnet das große Schwellwerk seine Aufstellung. Treppen im Innern der Orgel, die zwischen den beiden Orgelscheiben angeordnet sind, ermöglichen einen optimalen Zugang zu allen Teilen des Instrumentes für Wartung und Pflege. Im hinteren Teil der Empore, ausgelagert aus dem Orgelkörper, befindet sich die Lunge der Orgel in Form eines großen Doppelfalten-Magazinbalges, unter dem sich die Gebläsemaschine in einem schallisolierten Kasten befindet.
Klassischen Vorbildern folgend, ist das Instrument zur optimalen Präzision des Spielens mit einer einarmigen Traktur ausgestattet, welche es dem Organisten ermöglicht, jedes einzelne Ventil des Instrumentes ausdrucksvoll zu artikulieren.
Nach Auftragserteilung wurden zur detaillierten Abstimmung des Entwurfes für das Instrument detaillierte Ausführungszeichnungen von Klaus Flügel erarbeitet. Klaus Flügel ist seit nunmehr 32 Jahren Mitarbeiter der Werkstatt Klais. Die Detailzeichnungen vieler wichtiger Klais-Orgeln wurden von ihm erarbeitet, darunter die Detailkonstruktionspläne der Instrumente in der Propsteikirche zu Recklinghausen, der großen Kathedrale zu Reykjavik/Island, der Symphony Hall zu Birmingham, des Konzertsaales zu Madison, des International House of Music zu Moskau ebenso wie der Symphony Hall zu Singapur.

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Fertigung der Orgel in der Werkstatt Johannes Klais Orgelbau
Wir sind sehr stolz, in unserer Werkstatt weitgehend jedes einzelne Orgelwerk vom Rohstoff ausgehend fertigen zu können. Wir verwenden hierzu als Grundmaterialien Holz, welches wir in unserem Holzlager in natürlicher Trocknung über lange Zeiträume trocknen und lagern (zum jetzigen Zeitpunkt haben wir über 400 Stämme hier liegen), sowie Zinn und Blei, die wir in Barren unmittelbar von den Hütten kaufen.
Aus den Zinn- und Bleibarren werden die Bleche gegossen, die wir dann zum Bau der Pfeifen benötigen. Das Holz, welches bei uns in Bohlen eingeschnitten in ganzen Stämmen gelagert wird, wird sorgfältig so ausgewählt, daß für jedes Bauteil die richtige Stelle des Stammes ausgewählt wird.
So entstehen innerhalb eines Fertigungszeitraumes von einem Jahr in der Werkstatt alle notwendigen Bauglieder, gefertigt durch das Orgelteam.
Dieses Orgelteam baut dann auch das Instrument in unserem Montagesaal auf. Alle wesentlichen Funktionsteile wurden hierfür zusammengefügt, bevor dann das Orgelwerk wieder komplett zerlegt und zum Aufbau nach Marburg gebracht wurde.
Die farbliche Fassung der Orgel

Bereits in unserem Wettbewerbsentwurf hatten wir für die Orgel eine farbliche Fassung zugrunde gelegt. Diese Entwurfszeichnung wurde durch Odilo Siebigs, einem gelernten Architekten und Orgelbauer aus Aachen, der als Sohn des ehemaligen Aachener Dombaumeisters von Kindesbeinen an mit Denkmal-Kirchenräumen aufgewachsen ist, erstellt. Für die letztgültige Farbfassung und das Fassen des Orgelgehäuses haben wir uns dann entschieden, die berühmte spanische Künstlerin Frau Eva Arrizabalaga zu gewinnen. Eva Arrizabalaga, ebenfalls aus einer spanischen Orgelbauerfamilie stammend, hat in den USA und in Spanien Kunst studiert und in Spanien und Europa viele Ausstellungen gehabt. Über ihre Familiengeschichte vertraut mit dem Instrument Orgel, durch ihr künstlerisches Schaffen, welches plakativ Farben und Formen in unterschiedlichen Layern handhabt, schien sie uns die richtige Künstlerin für diese schwierige Aufgabe.

Am 22. Mai begann sie, zunächst die Linienführung auf die Prospektpfeifen behutsam aufzutragen. Schon zu Hause in Barcelona hatte sie im Maßstab 1:1 aus zusammen geklebtem Packpapier die Entwurfszeichnungen für die Linienführung an den Orgelpfeifen vorbereitet, die dann in Marburg auf den Orgelprospekt übertragen wurden. Eva Arrizabalaga ist es gelungen, auf Basis des von uns erarbeiteten Entwurfes ein eigenständiges künstlerisches Farbkonzept herzustellen.
Bernhard Dietrich beschreibt diese Konzeption wie folgt: "So ergibt sich ein eigenständiges künstlerisches Konzept, das gleichzeitig in ein Gespräch einerseits mit den Formen des Orgelgehäuses eintritt, andererseits aber auch auf das Meistermann-Fenster mit seiner farbigen Geist-Ausgießung bezogen ist".
Philipp C. A. Klais

