Mons/B, Collégiale Ste. – Waudru
Restaurierung und Rekonstruktion der barocken Orgel mit Erweiterung im symphonischen Stil

Die Orgel der Stiftskirche Ste. Waudru hat schon eine lange und im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Geschichte hinter sich. Das erhaltenen Gehäuse wurde 1780 von François-Joseph-Eugène Ermel für die Abteikirche Cambron-Casteu erbaut. Schon 1789 wurde die Orgel in die Stiftskirche nach Mons umgestellt und erweitert. 1834 ersetzte Henri de Volder die Zungenstimmen und fügte neue Grundstimmen hinzu. Um 1925 erfolgte ein Neubau mit pneumatischen Trakturen unter weitreichender Verwendung des alten Pfeifenwerkes. Dieses Instrument verfügte über 25 Register und war wohl ein wenig schmächtig für den großen gotischen Raum. 1952 wurde es von Delmotte wiedrum im Rahmen eines technischen Neubaus – diesmal elektrisch – auf 46 Register auf drei Manualen erweitert.

Als zu Beginn der 2000er Jahre umfangreichere Arbeiten unumgänglich wurden, entschloss man sich erneut zu eine technischen Neubau mit Erweiterung – aber diesmal unter Respektierung des historischen Gehäuses und mit mechanischen Spieltrakturen.

Das Instrument, welches in Kooperation mit unseren belgischen Kollegen, der Manufacture d’Orgues Thomas, entstanden ist, wurde für den Dienst in der Liturgie sowie als Konzertinstrument konzipiert. Die wichtigste Inspiration ist das Schaffen Aristide Cavaillé-Colls zum Zeitpunkt des Übergangs zwischen Früh- und Spätphase. Die Entwicklung eines im Kern auf die Symphonik verweisenden Instruments mit barocken Wurzeln findet sich an vielen Stellen im Schaffen Cavaillé-Colls, dessen Arbeit immer auf dem Respekt gegenüber der Kunst seiner Vorgänger beruhte.
So verfügt unsere Orgel in Mons, trotz ihrer erheblichen Größe, lediglich über ein schwellbares Manualwerk. Dennoch finden sich auch in ihrer Disposition sämtliche typischen Register der französischen Orgelromantik mit überblasenden Flöten, Aliquoten und überblasenden Zungenregistern. Entsprechend ihrer stärkeren barocken Anlehnung ist der Grundstimmenanteil zwar üppig, aber nicht zu Lasten der typischen Klangfarben der französischen Barockorgel.

Die Intonation ist fein abgestimmt auf den tragenden Kirchenraum, das Ziel verfolgend, barocke und romantische Charakteristika authentisch für sich, sowie verschmelzend miteinander zu einem einheitlich stimmigen Gesamtklang zu formen.
Eine besondere Herausforderung in der technischen Umsetzung war die Unterbringung eines solch großen Werkes im historischen Gehäuse von 1780. Gelungen ist dies durch die Entscheidung, die Windversorgung und das Schwellwerk als separate Einheit versetzt hinter das Hauptgehäuse zu setzen. Ein Vorgehen, welches auch Cavaillé-Coll bei zahlreichen Orgeln gewählt hat, wenn er die Aufgabe hatte, ein neues Werk hinter einen bestehenden Prospekt zu bauen. Berühmte Beispiele sind hier Rouen, Saint-Ouen, Toulouse, Saint-Sernin oder Paris, Notre-Dame.
