München, St. Peter, Hauptorgel
Unsere ersten Begegnungen mit der Stadtpfarrkirche St. Peter liegen schon viele Jahre zurück. Die Planung für die 2003 fertig gestellte Hauptorgel umfasste auch Überlegungen zu der Chororgel, deren Ansteuerung bereits beim Neubau der Orgel im Hauptorgelspieltisch angelegt wurde. Nun ist die Orgelanlage vollständig.

Die neue Hauptorgel von St. Peter wurde am 22.11.2003, dem Caecilienfest eingeweiht. Die Orgel war damals völlig neu gebaut worden, wie jetzt die Chororgel, unter Verwendung des historischen Gehäuses.
Die monumentale, historische Hauptorgelfassade haben wir damals wieder zu einem tragenden Vollholzgehäuse ergänzt. Ihre historischen Gehäuseteile und Dekorstücke stammen wohl noch von dem Orgelwerk von Franz Frosch aus dem Jahre 1806/09 oder 1825 und haben offensichtlich die verheerende Kriegszerstörung der St. Peterskirche überstanden. Sie blieben weiterhin durchwegs erhalten und wurden vervollständigt. Nur die Untergehäusefront haben wir in Teilen erneuert, allerdings konnten auch hier ältere Dekorteile und Profile weiter verwendet werden. Die gesamte Orgelfront wurde 2003 auch in ihrer Fassung ergänzt und polychrom marmoriert.
Das neu gebaute Orgelwerk selbst ordnet sich also den historischen Gehäusemaßen unter. Die marmorierte Gehäusefront – traditionell in Süddeutschland aus Fichte gefertigt und gefasst – wurde mit einem massiven, ungefassten Gehäuse aus Eichenholz ergänzt. Die Konstruktion selbst erhielt dabei wieder waagerechte Gurtrahmen als Tragegerüst für die Windladen von Hauptwerk und Bombardwerk, die aufgehenden Front-, Seiten- und Rückwände sollten vom geschlossenen Hauptgesimskranz und den schweren Turmkappen zusammengefasst werden. Dieses „selbsttragende“ Prinzip dürfte auch bei der Orgel zu Anfang des 19. Jahrhunderts so bestanden haben. Aus dem Kirchenschiff erkennbar blieb also das weitgehend unveränderte historische Orgelgehäuse, dessen Konstruktion seiner ursprünglichen statischen Funktion wieder zugeführt worden ist.
Wie die Besetzung dieses nachbarocken Orgelgehäuses aussah, ist heute nicht mehr zu erschließen. Es liegt jedoch nahe, dass auch früher die klingende Fassade mit Prospektpfeifen von Principal 16' und Principal 8' besetzt war. Die Aufteilung der Laden im Gehäuseinneren ist dagegen unbekannt, da im Hauptgesimskranz keine Spuren der Querträger erhalten sind. Seitenwände fehlten ebenso wie die Rückwände. Im neuen Untergehäuse wurde das Positiv schwellbar untergebracht, ein Werk, das auch dem Chor als Begleitmanual dienen soll.

Im Obergehäuse der Orgel ist nun die breit angelegte Windlade des Hauptwerks untergebracht, mit Praestant 16‘ und Principal 8‘ in der klingenden Fassade sowie das Bombardwerk (IV. Manual) mit der klangprächtigen Trompeteria und dem Solo-Cornet auf eigenem, erhöhtem Winddruck. Die Trompeten des Bombardwerkes sind nach englischem Vorbild nach vorne gekröpft („hooded“), um einen ähnlichen klanglichen Effekt zu erzielen wie bei horizontal angeordneten „spanischen“ Trompeten, die jedoch an der historischen Orgelfassade in St. Peter unangemessen wären.
Wenn man heute von der Wendeltreppe kommend die Orgelempore betritt, ist der rückwärtige Orgelteil kaum erkennbar. Für diesen großen Orgelbereich wurde nämlich auf Wunsch des Chordirektors auf Emporenniveau lediglich ein kleiner Sockel für die notwendige Windzuführung und für die Trakturen geschaffen. Diese hintere "Orgelscheibe" verfügt über ein eigenes Trägersystem, das in der umgebenden Kirchenwand statisch gelagert und abgefangen ist. Nur so konnten auch kritische Belastungswerte in der Statik der Empore vermieden werden. Dieser hintere Orgelbereich wird also durch die umgebende Kirchenschiffmauer eingegrenzt. Über dem Gurtkranzsystem stehen die großen Pedalladen und, in der Mitte unter dem Westfenster, das Schwellwerk mit seinem Gehäuse.
Um den zur Verfügung stehenden Platz möglichst optimal ausnutzen zu können, haben wir die großen Pfeifen von Untersatz 32' seitlich „auf Sturz“ rechts und links vom Orgelgehäuse unter das umlaufende Gesims eingebaut, hinter den nachträglich geschnitzten Schleierbrettern bleiben die großen Holzpfeifen unsichtbar. Auf diese Weise haben alle Register genügend Aussprache, sind zugänglich für Wartung und Stimmung und optimieren das zur Verfügung stehende Raumangebot. Die Contraposaune 32‘ steht auf der Lade des Bombardwerks, also im Hauptgehäuse und bildet mit diesem eine klangliche Einheit.
Die Gesamtdisposition wirkt auf den ersten Blick wenig spektakulär. Ohnehin würden Stilbegriffe wie „Barock“, „französische Symphonik“ oder „deutsche Romantik“ zu kurz greifen. Dabei ist das Dispositionsschema nicht ungewöhnlich. Das Instrument steht zunächst auf den schulmäßig angelegten Prinzipalchören in Hauptwerk, Positiv, Schwellwerk und Pedal. Ergänzt wird die Disposition durch das Bombardwerk. In allen Werken sind verschiedenste Flöten-, Gedackt- und Aliquotregister, welche den Klang der Orgel besonders abwechslungsreich macht. Eher ungewöhnlich wirkt allenfalls die Anlage des Positivs als Solowerk, das im Hinblick auf die Chorbegleitung schwellbar angelegt ist. Die Farbregister hier führen weg von der Idee des „barocken“ Positivs hin zu der eigentlichen Aufgabe als Begleitwerk. Der kleinere Prinzipalchor ergänzt zwar das Hauptwerk, klanglicher Gegenspieler des Hauptwerks ist dagegen das groß angelegte Schwellwerk mit den Streichern, Flöten- und Zungenchören.

Wie oben bereits angedeutet, vervollständigt der Trompetenchor des IV. Manuals die gesamte Orgel, ebenso wie der dort angelegte „große“ Cornet, dessen Gegenspieler die Terzspiele in den anderen Manualen sind – prinzipalisch im Hauptwerk, flötig im Positiv, überblasend im Schwellwerk. Das Pedal gibt der gesamten Orgel das Fundament. Es ist nach süddeutschem Vorbild frei hinter dem Orgelgehäuse aufgestellt und besteht wesentlich aus Holzpfeifen, lediglich die Zungen 32‘, 16', 8', 4' sind aus Metall, damit sie mehr Glanz und Kraft entwickeln können.
Die anspruchsvolle Kirchenmusik von St. Peter braucht nicht nur ein angemessenes Orgelwerk, auch Chor und Orchester sind unverzichtbarer Teil der Musik auf der Orgelempore. So schien es uns wünschenswert, einen unmittelbaren Blickkontakt zwischen Organist, Chordirektor und den Musikern der Figuralmusik zu schaffen. Aus diesem Grunde haben wir den Spieltisch in die Mitte gesetzt, mit Blickrichtung des Organisten vom Orgelgehäuse weg, so niedrig wie technisch möglich gebaut, das Notenpult aus Acrylglas. Dies schien uns auch als Reminiszenz zu der von Karl Emil Schafhäutl 1809 so begeistert geschilderten Orgelanlage von Abbé Vogler richtig zu sein.
Dieser neue freistehende mechanische Spieltisch wurde in das Chorpodest integriert. Die Gestaltung der Spielanlage ist in ihrer Ästhetik auf das Orgelwerk abgestimmt, die vielen Registerzüge liegen übersichtlich und in ergonomisch günstiger halbrunder Anordnung den Klaviaturen zugeordnet; edle Materialien, wie etwa Ebenholz, Bein, sogar fossiles Elfenbein von Mammuts und feine, geräucherte Eiche bestimmen das Bild und laden ein, beim Spiel das Instrument nicht nur zu hören, sondern auch hinzuschauen und zu fühlen.

Ergänzt werden kann die Disposition durch „Spielereien“, ausgewiesene Effektregister wie das Glockenspiel, den Cymbelstern mit Krallenglöckchen oder die übermütige Spielerei des „Gallus petrinus“.
Es war seit 2003 vorgesehen und bereits angelegt, vom Hauptorgelspieltisch aus auch die Chororgel als Fernwerk mitzuspielen, wobei die einzelnen Werke der Chororgel an jedes Manual der Hauptorgel frei ankoppelbar sind. Dies hat den Vorteil, Haupt- und Chororgel sehr viel freier einsetzen und gegeneinander ausspielen zu können.

