Übersicht

Heiningen, Kath. Stiftskirche

Restaurierung der Orgel von Heinrich Vieth 1887    

Geschichte der Orgel

Die Kirche ist eine Gründung als Augustinerinnenstift um 1000, die romanische Basilika stammt von etwa 1200. Während die Klostergebäude weitgehend verschwunden sind, wurde die Kirche im Jahr 2000 von der Klosterkammer Hannover umfassend renoviert (zur 1000-Jahr-Feier des Stifts).

 

Die Orgel stammte ursprünglich von dem bedeutenden Orgelbauer Andreas Schweimb, Einbeck, der das Instrument nach den Zerstörungen des 30jährigen Krieges schuf. Nach der Säkularisierung des Klosters wurde die Kirche zur Pfarrkirche der katholischen Gemeinde. Nach einigen Reparaturen im 19. Jahrhundert wurde die Orgel, unter Verwendung des historischen Pfeifenmaterials, 1887 (lt. Kirchenführer) von Heinrich Vieth, Celle neu gebaut, dabei mit neuen Windladen, neuer Mechanik und neuem, neugotischen Gehäuse versehen.

 

Im Orgelinneren gibt es mehrere Bauinschriften, die alle auf die Orgel von 1698 zurückgehen. So auf einem separat aufbewahrtem Kanalabschnitt, auf dem einige Inschriften stehen:

"Anno 1763 ist diese Orgel aus dem Grunde repariert worden und in [Cohrtohn] gebracht von Johann Konrad Müller, Orgelbauer aus Hildesheim".

Nächste Inschrift:

"Anno 1829 habe ich diese Orgel, welche von dem [ ....... ] verdorben, die Rohrstimmen verschnitten, wider in gehorigen Stand gebracht. Jos. Friderici Orgelbaumeyster in Hildesheim"

daneben:

"gesehen 1868 H. Vieth"

dann nächste Inschrift:

"Auf Antrag des Unterzeichneten wurde diese Orgel vom Orgelbauer Heinrich Vieth aus Zelle im Jahre 1868 vom 9. Juli bis 5. August abgetragen, gereinigt, neu intoniert und gestimmt. Auch wurde von demselben statt der alten Vox humana des Hauptwerks eine Tuba 16' neu hergestellt. Georg Hohmeyer, Lehrer, Organist und Revisor. Heiningen, den 5. August 1868".

 

Die Bauzeit der heutigen Orgel ist durch Bauinschriften nicht weiter dokumentiert.

 

Literatur

Johann Hermann Biermann, Organographia Hildensiensis specialis, Hildesheim 1738, Reprint mit einem Nachwort von Ernst Palandt, Kassel 1930, S.23-24

Ute Römer-Johannsen und Karl Bernhard Kruse, Heiningen, St. Peter und Paul, Kunstführer, Passau 1997

Hermann Fischer, 100 Jahre Bund Deutscher Orgelbaumeister 1891-1991, Lauffen 1991, S. 87-88, 325

Gottfried Pieper, Die Orgeln des Kirchenkreises Gifhorn, Gifhorn 1978

Uwe Pape, Martin Haspelmath, in: Norddeutsche Orgelbauer und ihre Werke 2, Berlin 2000, S.208-209

 


 

 

Die Orgel von Andreas Schweimb, Einbeck, 1698

 

Nach der Beschreibung durch Biermann von 1738 ist die Orgel von Andreas Schweimb gut nachvollziehbar, zumal in der heutigen Orgel von 1887 ein Großteil der Pfeifen enthalten ist.

 

Oberwerk

Principal        8'

Perduna       16'

Viola di Gamba       8'

Querfloit        8'

Octava          4'

Quinta           3'

Octava          2'

Sesquialtera       3fach

Mixtur bis 6fach

Trompet        8'

Zinck, durch halbe Clavier 8'

 

Brustwerk

Principal        4'

Principal        8'

Gedacht        8'

Waldfloit       4'

Dulcefloit       4'

Quinta           3'

Octava          2'

Tertian            

Mixtur      5fach

Dulcian          8'

 

Pedal

Principal        8'

Untersatz     16'

Octava          4'

Waldflöit       2'

Mixtur      5fach

Posaune      16'

Trompet        8'

Schalmey       4'

 

Nebenzüge

Cymbelstern

Tremulant

Coppel

 

Balganlage

4 Bälge, 9' lang, 4 1/2' breit

 

Das Instrument hatte Springladen und hatte nach Biermann eine Stimmung nach Praetorius, die später in eine Stimmung mit reinen Quinten und Quarten geändert wurden. Da die Terzen umso härter klangen und diese Stimmung nicht mit Blasinstrumenten zusammenpasste, wurde diese Stimmung wieder in die vorherige zurückgesetzt.

 

Ein Großteil der Pfeifen wurde beim technischen Neubau der Orgel von 1887 wiederverwendet.


 

 

Die Orgel von Heinrich Vieth, Celle, 1887

Heinrich Vieth hatte schon zuvor an der Orgel gearbeitet (siehe Inschriften), als er den technischen Neubau der Orgel durchführte. Sein Instrument darf durchaus als ein in sich geschlossenens Werk gelten, das dennoch, mit älteren Pfeifen ausgestattet, als „romantische“ Orgel gelten muß. Al solches ist sie auch zu erhalten.

 

Disposition und Pfeifenwerk

Das Pfeifenwerks besteht aus zwei Schichten, die miteinander zu einer Einheit verbunden sind – das ältere Material von Andreas Schweib (1698) und Heinrich Vieth (1887).

 

I. HAUPTWERK                         C – f³

 

Principal        8' C, Cs, D Fichte, offen, Stimmschieber, aufgeschraubte Vorschläge, 1887; D, E - f' Prospekt Pfeifen von 1698, bronziert, jüngere Seitenbärte, sehr stark bleihaltig, ab fs1 innen ebenfalls Blei, ohne Seitenbärte, fs1 - f² Expressionen mit kleinen Stimmklappen.

 

Bordun        16' C - E Fichte, gedeckt, 1887, ab F Blei, Pfeifen 1698, gedeckt, hohe Füße, Seitenbärte, Hüte mit Leder abgedichtet

 

Viola di Gamba 8' C - E offen, Stimmschieber, 1887, F - H Bleipfeifen, leicht trichterförmig, 1698, c° - f³ Zinn, 1887, davon c° bis h' Kastenbärte, c° - f² Expressionen und Seitenbärte, danach offen, auf Tonlänge.

 

Rohrfloet       8' C, Cs Fichte gedeckt, 1887, D - f³ Blei, 1698, mit unterschiedlichen Labienformen (Spitzlabium, gerissenen Rundlabien), Röhrchen mit Mensursprüngen, Hüte beledert, Seitenbärte.

 

Quinte 5 1/3' abgeschnitten und auf 4‘-Klang gebracht; C - H Fichte, gedeckt, 1887, c° - ds° Zinn, 1887, offen, e° - e³ Blei, 1698, f³ Zinn (jünger), Stimmschlitze von c° - f³ mit Stimmrollen (Zeichen für jüngere Veränderungen)

 

Octave          4' C - Ds Zinn, 1887, E bis f³ Blei, 1698, davon C - f' mit Expressionen

 

Gemshorn      4' C - f³ Zinn, konisch, 1887, davon C - h° mit Expressionen

 

Quinte 2 2/3' C - Ds Zinn, 1887; E - f³ Blei, 1698, davon C - a° mit Expressionen

 

Octav            2' C - Ds Zinn, 1887; E bis f³ Blei, 1698, davon C – f° mit Expressionen

 

Mixtur III – IV Pfeifen von 1887 und 1698 in einheitlicher Weise nebeneinander gestellt. Zusammensetzung:
C 2' 1 1/3' 1'
c° 2 2/3' 2' 1 1/3' 1'
c1 4' 2 2/3' 2' 1 1/3'
c³ 4' 2 2/3' 2'

 

Trompete    16' besetzt ab c°, volle Länge, davon c° - g° Becher Zink, gs° - f³ Zinn, 1887, Nüsse aus Holz, jedoch nicht einheitlich, c° - fs°, g°, a° aus Mahagoni, erneuerte Nüsse aus Buchsbaum (1987), davon Kehlen c° - g² aus Holz, beledert, gedrechselt, leicht konisch zur Spitze hin laufend, ab gs² Kehlen aus Messing, Schiffchenbauform, 1887, Becher sind dann durchgeschoben nach unten und mit der Kehle verkeilt. Die Stiefel als Holzblock auf dem Stock sind 1987 aufgedoppelt worden, um deren Volumen zu vergrößern.

 

Trompete      8' C - Ds Becher Zink, E - A Blei, 1698, ab B aus Zinn. Nüsse aus Mahagoni mit gedrechselten Kehlen von C bis f', fs' - f³ Nüsse aus Holz, Messing-Schiffchenkehlen, zunächst mit geradem Boden, im Diskant unten rund ausgespielt, Stiefel wie bei Trompete 16‘ aufgedoppelt

 

II. HINTERWERK                        C – f3

 

Octave          2' C - D Zinn, 1887, Seitenbärte, Spitzlabien, Ds - f³ Blei, 1698, davon C - f° mit Expressionen, im Diskant g² bis f³ jüngere Pfeifen, gestempelt. Die Pfeifen C - D haben Spitzlabien, Ds - fs2 gerissene Rundlabien.

 

Rohrflöte       4' C - D Zinn, Kastenbärte, Spitzlabien, 1887; Ds - f³ Blei, 1698, Dichtung der Hüte aus Leder, Seitenbärte

 

Quinte 2 2/3' C - Ds Zinn, 1887, E - f³ Blei, 1698, davon C - a° Expressionen, b° - f2 zugelötete Expressionen, dann auf Tonlänge abgeschnitten.

 

Octave          4' C - ds Zinn, 1887, E - G Blei, 1698, ehemalige Prospektpfeifen mit Resten von Zinnfolie, sehr hohe Füße. Rundlabien gerissen mit jüngeren Seitenbärten bis f°, Expressionen von C – f1, Gs bis f³ Blei, 1698, jedoch Innenpfeifen.

 

Lieblich Gedeckt 8' C - D Fichte gedeckt, 1887; Ds - f³ Blei, 1698, Hüte mit Leder abgedichtet, Seitenbärte

 

Flauto traverso 8' ab c° offen, ab g1 überblasend, ab g² in den dritten Teilton überblasend, davon C - f° Fichte, fs° mit Deckel aus Birnbaum, Seitenbretter aus Eiche, einige Pfeifen offensichtlich erneuert, gs1, b1, e1, e³, c³, f³.

 

Salicional       8' C - H Fichte offen, mit Stimmschieber, aufgeschraubte Vorschläge, außen labiert, c° - f³ Zinn, 1887, davon c° - f² mit Expressionen

 

Geigenprincipal 8' C - H Fichte offen, mit Stimmschieber, in der Mensur etwas weiter, 1887, c° - f³ Zinn, ebenfalls 1887, davon c° - f² Expressionen

 

Gedackt      16' C - H Fichte, gedeckt, 1887, dann Bleipfeifen, Hüte beledert, Seitenbärte, 1698.

 

PEDAL                         C – d1

 

Trompete      8' C, Cs Becher aus Zink, 1887, dann Originalbecher aus Blei 1698, Nüsse aus Mahagoni, Holzkehlen, Kehlen beledert, Stiefel als Holzblock, 1987 aufgedoppelt

 

Posaune      16' C - Ds Fichte, 1887, ab E Blei 1698, extrem weite Mensur, von innen sichtbar Bleche auf Sand gegossen, Nüsse durchwegs Mahagoni, Kehlen ebenfalls aus Mahagoni, beledert (nicht verifiziert).

 

Octave          4' C - Ds Zinn, 1887; ab E Blei, 1698, jüngere Seitenbärte, Expressionen

 

Bordun          8' C – d1 Fichte gedeckt, aufgeschraubte Vorschläge, 1887

 

Quinte 10 2/3' C – d1 Fichte gedeckt, aufgeschraubte Vorschläge, in der Mensur wie Bordun 8'

 

Violoncello    8' C - F Fichte offen, mit Stimmschieber, aufgeschraubte Vorschläge, Fs bis d1 Zinn, Expressionen bis d1, 1887

 

Principalbass 8' C - H Fichte, offen, 1887; c° - d1 Blei, ehemalige Prospektpfeifen mit Resten von Zinnfolie, erhöhte Füße, jüngere Seitenbärte, 1698

 

Subbass      16' C, Cs Fichte gedeckt, 1887, D bis d1 Blei, gedeckt, Hüte mit Lederabdichtung, 1698

 

Principalbass 16' C - Ds Fichte gedeckt, sehr weite Mensur, E – d1 ebenfalls Fichte, offen, Stimmschieber


 

 

Windladen

Die Windladen waren durchwegs 1887 von Heinrich Vieth neu gebaut worden, die Ventilabzüge verlaufen leicht schräg nach hinten gehend, die Pulpetenbretter wurden 1987 durch Martin Haspelmath mit neuen Dichtungen versehen. soweit derzeit einzusehen, scheinen nur einige undicht zu sein, sie neigen allerdings aufgrund geringer Toleranzen zum Verklemmen, auch weil sie schräg abziehen.

Die Kanzellenkörper haben von oben und von unten aufgeleimte Fundamentbretter, die offensichtlich gerissen sind:

 

Die Windladen haben extrem große Auslässe (8 - 10 mm), doch hört man bei der „stummen Probe“ deutliche Wind- und Pfeifgeräusche. Die Schleifen laufen offensichtlich Holz auf Holz, also ohne jede Abdichtung, mit Ausnahme der vier Zungenregister, die nachträglich wohl erst nach 1987 und vermutlich nach massiven Problemen mit der Dichtigkeit der Windladen, nachträglich mit Scheiben oben und unten versehen worden sind. Die Entlüftungen dürften ebenfalls auf Haspelmath zurückgehen und sind ein Notbehelf gegen Zusammenstiche.

 

Die Windladen waren 1987 nicht weiter restauriert bzw. überarbeitet worden. Von daher gab es an den Windladen die meisten Probleme: immer wieder wurden Störungen durch Zusammenstiche in den Fundamentplatten festgestellt.

 

Spielanlage

Die sehr archaisch anmutende Spielnische besitzt keine Türen, ist also nicht verschließbar. Die Klaviaturen sind für die Untertasten mit Knochen belegt, die Obertasten aus Ebenholz, im Mittelbereich von beiden Manualen relativ ausgespielt, so daß ca. 15 – 20 Beläge erneuert werden müssen.

 

Es gibt einen Registerzug "Manualkoppel", der allerdings ins Leere läuft. Die Klaviaturen sind offensichtlich original, es sind jedoch keinerlei Hinweise auf eine früher vorhandene Manualkoppel erkennbar.

 

Dagegen wurde der Tritt für die Pedalkoppel durch einen Zug ersetzt; hier war eine Mechanikwelle mit einem Eisentritt versehen, der dann eingehakt hat. Eine sehr einfache Konstruktion, bei der derzeit unklar ist, ob der Einhakmechanismus zufrieden stellend funktioniert hat, da die Welle ja nicht seitlich verschiebbar ist.

 

Die Pedalklaviatur ist von den Belägen her mäßig ausgespielt, klappert allerdings sehr stark. Ein großer Teil der Registerschilder aus Porzellan ist sehr stark verblichen, so daß es kaum noch lesbar ist.


 

Gehäuse

Das Gehäuse ist weitgehend original und intakt. Die Türen sind funktionstüchtig zum Öffnen. Im Inneren des Gehäuses steht noch 1 Kanister mit Xylamon, offensichtlich von der letzten Restaurierung herrührend, er ist noch halb gefüllt.

Die Rückwand des Gehäuses war ursprünglich wohl offen, dort ist ein Westfenster. Vermutlich, um die Sonneneinstrahlung zu minimieren, hat man dann ein Preßspanplatten-Konstrukt aufgedoppelt.

 

Windanlage

Die jüngere Windanlage hinter dem Gehäuse stammte vermutlich aus der Zeit von vor 1987. Laut Inschrift vom 22.11.1987 hat die Orgel einen Winddruck von 83mm WS, demnach stammte auch der sehr laute Ventus-Langsamläufer von vor 1987.

 

Die Stimmtonhöhe lag bei 433 Hz bei 10° C.

 

Die Kanäle zwischen Motor und Balgsystem bzw. zwischen Balgsystem und dem originalen Kanalsystem bestand aus blauem PVC-Kunststoffrohr, Durchmesser ca. 220 mm. Der Wind der Orgel war sehr instabil und nervös zitternd. Dabei lag die Hauptursache in dem wirren Durcheinander der beiden Bälge (Magazinbalg und Schwimmer) und einem komplizierten Kanalsystem zur Orgel hin.. Das System bestand aus einem großen Schwimmerbalg, ca. 1,85 x 0,85 m mit Schwimmerplatte, von der Drossel gesteuert, sowie einem Balg mit einer Falte, der als Stoßfänger wirkte, ebenfalls mit 1,85 x 0,85 m, und nur im Wind schwamm.

 

Beim Ausbau konnten wir feststellen, dass im Orgelinneren die ursprüngliche Kanalanlage erhalten ist und eine originale Kanalzuführung zwischen den beiden Pedalladen geschlossen wurde.

 

Daraus ergibt sich, dass wohl hinter der Orgel oder im Dachboden ein Magazinbalg war. Die Wiederherstellung einer besseren Windversorgung war daher hinter dem Gehäuse möglich.

 

 

Durchgeführte Arbeiten 2008/2009

Im Folgenden werden die zwischen April und Januar durchgeführten Arbeiten summarisch aufgelistet und durch beispielhafte Abbildungen in einer kurzen Fotodokumentation belegt.

 

Generell wurde die Orgel nach dem Ausbau von Pfeifen, Windladen und Windlanlage mit dem Staubsauger gereinigt und mit einer leichten Sodalösung feucht ausgewischt. Eine weitere Behandlung schien nicht angebracht, da kein Befall von Schimmel oder Holzwurmbefall festzustellen war.

 

Im Einzelnen wurden folgende Bereiche bearbeitet:


 

Pfeifenwerk

Das gesamte Pfeifenwerk wurde ausgehoben und in das Seitenschiff der Kirche ausgelagert. Um die Montagezeiten in der kaum temperierten Kirche zu verkürzen wurden Pfeifen ab 4‘-Länge verpackt und in die Werkstatt transportiert. Zusätzlich wurden einzelne größere Pfeifen mit erkennbar größeren Deformierungen ebenfalls in die Werkstatt gebracht, u.a. handelte es sich um die gekröpften Pfeifen der Posaune 16‘ und einzelne Prospektpfeifen.

 

Das gesamte Pfeifenwerk blieb prinzipiell unverändert: es wurden also keine Arbeiten gemacht, die über reine Instandhaltungen hinausging. Die Pfeifen wurden mit Druckluft gereinigt, Deformierungen ausgebeult und Stimmschlitze bzw. Expressionen beigelegt; einige ausgerissene Stimmschlitze wurden nachgelötet.

 

Einige Pfeifen zeigten Ablagerungen mit Bereich des Kernes, das aber nur anfangs als Schimmelbefall beobachtet wurde. Auch ohne weitere Untersuchungen wurden diese Ablagerungen entfernt und die Pfeifen gesäubert. Besonderer Wert wurde darauf verlegt, bestehende Reste der Folierung früherer Prospektpfeifen oder Lötfarbenanstriche zu erhalten.

 

Auch die hölzernen Pfeifen, die durchwegs in Heinigen blieben, wurden gereinigt, bei einzelne Pfeifen wurden offensichtliche Risse ausgeleimt.

 

Die größeren Pfeifen wurden vor Ort instandgesetzt.

 


 

 

Windladen

Die Windladen wurden ausgebaut und in die Werkstatt gebracht.

 

Alle Fundamentbretter an Ober- wie Unterseite waren vielfach gerissen, hatten sich geworfen oder waren abgelöst. In der Vergangenheit hatte es offensichtlich mehrfach den – vergeblichen - Versuch gegeben, das Problem in den Griff zu bekommen. So waren an allen Ladenoberseiten unter den Dämmen die Fundamentbretter mit neuen Nägeln, Kreuzschlitzzschrauben und Holzdübeln auf die Kanzellenschiede fixiert, ohne jedoch eine mindeste Dichtigkeit zwischen den Kanzellen zu erreichen. Denn die Fundamenttafeln hatten sie sich immer wieder gelöst, waren gerissen, was immer größere Fehlfunktionen nach sich zog.

 

Auch von der Unterseite her hatten sich die Fundamentbretter gelöst. Vor allen an der Nahtstelle zwischen Ventil und Fundamentbrett waren Fugen und Verwerfungen entstanden, die zu Heulern führten. Auch im Bereich der Windkästen hatten sich Teile gelöst.

In der Vergangenheit war dies dann durch verschiedene Maßnahmen versucht worden, die Laden dichter zu machen, ohne das Problem wirklich zu lösen.

 

Wegen dieser massiven Problemen mußten die Windladen weit umfangreicher überarbeitet werden, als dies im zunächst angebotenen Umfang vorgedacht war. Wir hatten daraufhin vorgeschlagen, das Windladenproblem weit umfangreicher, aber auch unter Maßgabe einer denkmalgerechten Restaurierung zu überarbeiten und die Fundamenttafeln zu erneuern. Dazu mußte die Teilung der einzelnen Windladen (Tonteilung und Registerteilung) auf Stäbe übertragen, sowie der Grundriss der Fundamentbretter auf Tranparentpapier abgepaust werden, um eine möglichst hohe Maßgenauigkeit bei der Übertragung der Tafeln zu erreichen. Dabei wurden alle Schleifenpositionen, die Bohrungen, Schraubenlöcher und Dammpositionen eingetragen.

 

Die unteren Fundamentunterseiten konnten teilweise erhalten werden, wobei hierbei die Risse ausgespant wurden. Da hier aber keine regelmäßogen Bohrungen, wie die auf der Oberseite für die Schleifenbohrungen sind, sind die Fundamente nicht so stark geschwächt und können beispielhaft überdauern. Hier wurden nun die Trennungen zwischen den einzelnen Tafelbrettern aufgefräst. In diese Nuten wurden Lederstreifen aus Rindsleder eingeleimt, die Kanzellen wurden von innen mit dauerelastischen Leim ausgestrichen. Auch vorhandene Risse wurden ausgepänt. Die Verwerfungen im Bereich der Ventilschlitze und des Windkastenrahmens wurden neu verleimt, bei den Pedalladen durch abgesperrte Platten ersetzt.

 

Die oberen Fundamentbretter wurden durchwegs abgenommen und die Kanzellenrahmen abgerichtet. Als Ersatz für die Fundamentbretter wurden durchgehende Furniertafeln aus Eiche aufgepasst, die etwa in der gleichen Stärke angefertigt wurden (zwischen einzelnen Laden gab es Toleranzen, die Stärke lag dort zuletzt zwischen 7,5 und 9,5mm). Alle neuen Tafeln bestehen aus 9mm starken abgesperrten Eichefurniertafeln.

 

In diese Tafeln wurden die mit Hilfe der zuvor angefertigten Stäbe und Pausen die Schleifen aufgepasst und die Schleifenbohrungen übertragen. Dabei wurden zentrierte Bohrungen angerissen, die von der Unterseite her vor dem Aufleimen auf ca 4 mm eingebohrt wurden. Nach dem Verleimen der Fundamenttafeln wurde dies dann erst von oben aufgebohrt; dadurch wurde erreicht, dass es zu keinem nennenswerten Faserabriss beim Aufbohren kam. Zusätzlich wurden die Laden auch mit Leim ausgegossen.

 

Die Bohrungen an den Ladenoberseiten und den Stockunterseiten wurden mit Liegelindscheiben versehen, die Dämme wurden entsprechend aufgedoppelt. Die 1987 aufgebrachten Abdichtungen bei den Zungenregistern wurden ersatzlos entfernt.

 

Bereiche des Windkastens, die stark vom Holzwurm befallen waren, wurden ersetzt. Da nicht mehr das originale Pulpetensystem erkennbar war, haben wir uns entschieden, die Pulpeten von 1987 zu entfernen und im Hinblick auf die bessere Spielbarkeit und die schrägen Mechanikabgänge, durchwegs bewegliche Bleipulpeten zu verwenden. Dazu mußten die Ventilabzugsdrähte erneuert werden.

 

Einige gebrochene Pfeifenbänkchen wurden geleimt, z.T. angesetzt, um wieder einen stabilen Halt der Pfeifen auf den Stöcken zu sichern.

 

Die Laden wurden bereits in der Werkstatt auf Dichtigkeit und Funktion geprüft.

 


 

Spielanlage und Mechanik

Die Klaviaturen der Orgel waren z.T erheblich ausgespielt. Die entsprechenden Beläge wurden ersetzt (Knochen für die Untertasten, Ebenholz für die Obertasten), die Beläge wurden insgesamt sorgfältig nachpoliert. Die Führung der Vorderstifte an den Tasten und an den Waagbalken wurden neu passgenau ausgetucht.

 

Die Schäden an den Klaviaturwangen und dem Abschlußbrett wurden durch farblich gleiches Mahagonifurnier ergänzt, die Oberflächen wurden poliert.

 

Die Pedalklaviatur wurde ebenfalls überarbeitet, die Garnierungen wurden erneuert, einige ausgespielte Tastenbeläge aus Eiche aufgedoppelt.

 

Wir wissen inzwischen, dass es eine Manualkoppel II-I gegeben hat, diese sogar mit einer sehr sinnreichen Schaltung funktioniert hat. Warum die Koppel stillgelegt wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar, könnt aber mit der zuletzt sehr schweren Spielbarkeit der Orgel in Zusammenhang stehen: Jedenfalls wurde ein Stechsystem, das am Ende auf der unteren Klaviatur auflag mittels eines Rechens unter die Abgangsstecher der oberen Klaviatur geführt; dadurch wurde die Koppelfunktion geschaltet. Der Vorteil dieser Art von Koppel ist, dass sich eine „Untersetzung“ des gekoppelten Manuals ergibt, was üblicherweise bei Schiebekoppeln nicht ist. Ein weiterer Grund für die Entfernung könnte auch darin gelegen haben, dass die Stecherleiste durch den Koppelzug nicht parallel zwangsgeführt wurde – es fanden sich zumindest keinerlei Spuren einer Welle, die dazu notwendig gewesen wäre – sodass es ständig zu Fehlfunktionen gekommen sein muß. Im Ergebnis nach der Überarbeitung und mit dem deutlich reduzierten Tastendruck wäre die Rekonstruktion der Manualkoppel eine Bereicherung für die Orgel. An der unteren Klaviatur ist die Polsterung für die Stecher erhalten, der gesamte Aufbau und die Koppelstecher selbst sind dagegen nicht mehr vorhanden. Der Registerzug lässt sich mit den vorhandenen Spuren lückenlos integrieren. Zusätzlich wäre eine Welle notwendig, die den Stechersatz parallel führt.

 

Die gesamte Mechanik der Orgel wurde sorgsam gereinigt. Die Wellenrahmen der Pedalkoppel unter dem Hauptwerk wurden in die Werkstatt gebracht, wurden völlig zerlegt. Alle Achslager wurden nachjustiert und auf leichtgängige Funktion gebracht.

 

Da alle Winkellager der Orgel mehrfach mit Stauferfett eingeschmiert waren, das mit der Zeit hart wird mußten die Winkelsätze zerlegt werden, alle Winkel wurden sorgfältig gereinigt und wieder zusammengesetzt. Dabei mußte ein Großteil der Abstrakten gelöste werden, die dann wieder eingesetzt wurden.

 

Im Ergebnis ist die Orgel auffallend angenehm zu spielen, die Mechanik ist leichtgängig und sensibel zu handhaben.

 

Bei der Registertraktur wurden ebenfalls umfangreiche Arbeiten unternommen. So wurden 20 verblichene Porzellanschilder an den Manubrien im Spieltisch erneuert, die Manubrien selbst wurden mit geschwärztem Schellack poliert.

 

Alle Achspunkte an den Wellenbäumen wurden gereinigt und auf leichtgängige Funktion überprüft. Die Schleifen konnten nach Überarbeitung der Laden problemlos wieder eingesetzt werden. Die Registerzüge lassen sich angenehm leicht bewegen.

 


 

Gebläseanlage

Die Nebengeräusche und die unbefriedigende Windstabilität hatten mehrere Ursachen. Zum einen war die vorhandene Windmaschine sehr alt, vermutlich noch aus den 1930er Jahren; für diese war auch nur ein sehr dünner Motorkasten ohne jede Schalldämmungseigenschaft unter die Treppe gebaut worden. Diese Maschine war vermutlich noch nie sehr leise, obwohl sie leicht durch zusätzliche Dämmstoffe hätte verbessert werden können.

 

Des weiteren war seit 1989 der Abstand zwischen dem Motor und dem Balg mit Drossel sehr weit – über 2.50m – was den Körperschall des Motors wie einen Resonanzkörper verstärkt. Die beiden vorhandenen Bälge stammten vermutlich aus der Zeit der letzten Restaurierung durch Martin Haspelmath 1987, der sie wohl gebraucht eingebaut hatte. Sie waren aus Limba-Pressspanplatten gefertigt und parallel geschaltet, wobei ein Schwimmerbalg (1.50m x 0.95m) und ein Balg mit einwärts gehender Falte (1.80m x 0.88m) hintereinander stehen.

 

Eine Weiterverwendung dieser Bauteile im Sinne einer Verbesserung der Windqualität hielten wir für nicht möglich.

 

Wir hatten beim Ausbau der Orgel festgestellt, dass eine originale Windzuführung in den noch vorhandenen Hauptkanal entfernt wurde. Dieser fehlende Kanal war die Verbindung von Balganlage zum Kanalsystem der Orgel. Anstatt dessen versorgten zwei Windrohre aus PVC-Plastik die Orgel mit Wind. Die Logik dieser Veränderung war nur schwer nachvollziehbar, zumal die Windstabilität der Orgel ja sehr unbefriedigend blieb.

 

Um den Wind zu verbessern, mußte die bisherige Anlage komplett aufgegeben und die Kanalanlage der Orgel an das System direkt angeschlossen werden.

 

Die neue Balganlage haben wir in den Zwischenraum zwischen der (ebenfalls jüngeren) Rückwand der Orgel und der Kirchenwand auf ein neues Tragegestell aus Holz gebaut. Auf dieses Gestell wurde ein neues Langsamläufergebläse mit neuem Motorkasten und ein Doppelfaltenmagazinbalg gestellt. Als Windkanal konnten wir ein Kanalstück rekonstruieren, das dann mit dem originalen Hauptkanal an der erkennbaren Stelle in der Mitte, mit den originalen Maßen, verbunden wurde.

 

Um diese Anlage realisieren zu können, mußten alle hinter dem Orgelgehäuse verbliebenen Schränke und weitere Utensilien entfernt werden. Nach Einbau der Gebläseanlage bleibt nun aber ein Durchgang auf Emporenniveau vorhanden.

 

Die Rückwand aus Faserplatten wurde wieder geschlossen.

 

Aus unserer Sicht dürfte das sogar – mit Ausnahme des Motors – der ursprünglich 1887 vorhandenen Anlage entsprechen, die zu einem bisher unbekannten Zeitpunkt, spätestens aber 1989, aus heute unerfindlichen Gründen verändert wurde.

 

Intonation

Nach Wiedereinbau der Windladen, der Spielanlage und dem Aufbau der Balganlage wurden nach Abdichten des Kanalsystems noch einmal die Windladen auf Dichtigkeit und auf Funktion geprüft.

 

Das Pfeifenwerk der Orgel wurde registerweise wieder eingebaut und in der Intonation ausgeglichen.

 

Veränderungen am Pfeifenwerk bzw. an den Intonationsparametern wurden nicht gemacht. Die Vorgaben im Bezug auf Winddruck, Stimmtonhöhe und Klang wurden übernommen.